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Kontextualisierung

  • Autorenbild: Nadine Hegmanns
    Nadine Hegmanns
  • 4. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

„Context is key“ war einer der Grundsätze, die wir im Dolmetschstudium gepredigt bekommen haben. Das Prinzip ist so einfach wie schlüssig: Wenn ich nicht verstehe, was ich dolmetsche, kann ich auch keine logische Übersetzung liefern. Und: selbst wenn ein Wort unverständlich ist, weil die Person ein Wort undeutlich ausspricht, nuschelt oder sich gerade vom Mikrofon wegbewegt hat, kann ich mit Hilfe des Kontextes trotzdem verstehen, was gemeint ist! Ein Beispiel: Vor vielen Jahren durfte ich auf dem Tanzkongress in Düsseldorf einen Vortrag zu den verschiedenen Arten des Tanzes dolmetschen. Die beiden Rednerinnen waren keine englischen Muttersprachlerinnen und hatten einen leicht russischen Akzent. Sie sprachen vermeintlich vom „belly dancing“, also dem Bauchtanz. Nun hatte ich mich allerdings in die Thematik für diesen Programmpunkt eingelesen, und nirgends war die Rede von orientalischen Folkloretänzen, vor allem nicht in Bezug auf Russland. Spätestens als dann Tschaikowski und seine Kompositionen ins Spiel kamen, war klar: hier geht es um „ballet dancing“, also klassisches Ballett! Ein kleiner, anders betonter Vokal hätte für ein großes Missverständnis sorgen können! Und was wäre gewesen, wenn dieser Vortrag von einem KI-Agenten gedolmetscht worden wäre?

 

Anders als menschliche Dolmetscherinnen und Dolmetscher kann eine KI den Kontext nicht in dem Maße erfassen, der für das Verständnis eines Gesprächs oder Vortrags wichtig ist. Denn beim Übersetzen einer Botschaft geht es nicht nur darum, einzelne Wörter zu übersetzen. Es geht um Kontextualisierung. Doch genau hier stoßen KI-Modelle schnell an ihre Grenzen. Der KI fehlt die emotionale Intelligenz. Redundanzen, Fehler und Versprecher kann die KI nicht einschätzen, sie basiert nur auf Wahrscheinlichkeiten und trifft Annahmen. Anders ist das bei uns menschlichen Dolmetschprofis: wir raten nicht und stellen keine Vermutungen an. Wir arbeiten uns in eine Thematik ein, greifen auf unser Weltwissen und unsere Erfahrung zurück. Wir reagieren spontan. Denn wir wissen, welche Auswirkungen das gesprochene Wort haben kann. Vor allem im politischen oder unternehmerischen Umfeld kann dies verheerende Konsequenzen haben. Ein einzelnes (falsches oder mit Bedacht gewähltes!) Wort, kann den Ausgang eines gesamten Meetings bestimmen – Nuancen, die ein KI-System nicht erfassen kann. Genau deshalb ist der Wert unserer menschlichen Arbeit beim Dolmetschen so wichtig.

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