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  • AutorenbildNadine Hegmanns

Hut-Denken


Als Dolmetscherin schlüpfe ich oft in die Rolle der jeweiligen Vortragenden. Ich setze quasi ihren Hut auf. Dann spreche ich in der Ich-Form. Das ist auch nachvollziehbar, denn 1. muss ich nicht die Transaktionsleistung der indirekten Rede leisten („Er hat gesagt, er habe…“, „Sie schlug vor, man könne…“) und 2. distanziere ich mich so von jeglicher Interpretation und Eigenmeinung.


Als Dolmetscherin bin ich neutral, ich spiele nur eine Rolle. Das wiederum bedarf einigen flexiblen Umdenkens der Zuhörerschaft. Nicht immer wird klar, ob nun ich zu ihnen spreche oder der Charakter, den ich für den Moment eingenommen habe.


Ich stelle mir einfach vor, meine Hüte hätten verschiedene Farben. Zum Beispiel, wenn ich meinen gelben Hut trage: Ich bin bei Gericht und flüstere die Zeugenaussage dem Angeklagten in der Übersetzung zu. Plötzlich raunzt er mich grob an: „Das stimmt aber so gar nicht, was Sie da sagen ist falsch!“ Es muss die Richterin eingreifen und dem Angeklagten erklären, dass nicht die Dolmetscherin das Geschehen so erlebt und wiedergegeben habe, sondern der Zeuge, und ob der Tathergang tatsächlich so verlief, bleibe abzuwarten.


Einmal trug ich meinen blauen Hut und saß bei einem Jugendtag in geselliger Runde im Stuhlkreis mit Block und Stift. Ich dolmetschte den Ablauf zum Auslands-Hilfseinsatz konsekutiv, also nach dem Redner, und erklärte (in seiner Rolle): „Ich werde selbst vor Ort mit anpacken und euch Rede und Antwort stehen.“ Da fragte einer der Teilnehmer erfreut: „Ach, wie schön, Frau Hegmanns, Sie fahren dann also auch mit uns mit?“ Leider musste ich das verneinen, zum „Anpacken“ benötigt man nun mal keine Dolmetscherin.


Manchmal setze ich meinen roten Hut auf und leihe als Mediendolmetscherin im TV oder Radio Gästen simultan meine Stimme. In der Regel wird streng darauf geachtet, dass ein Mann von einem Mann und eine Frau von einer Frau gedolmetscht wird, idealerweise in der Stimmlage altersentsprechend. Bei der britischen Singer-Songwriterin Ellie Goulding stieß ich auf begeisterte Resonanz, denn meine Stimmfarbe passte tatsächlich sehr gut zu der damals 23-Jährigen. Doch als es keinen männlichen Ersatz für den lettischen Dirigenten Andris Nelsons gab und ich eingesetzt wurde, waren die Hörer und Hörerinnen zunächst verdutzt: sie hatten keine weiche Frauenstimme zum tiefen Bass erwartet!


Ein anderes Mal sagte man mir sogar, dass meine Dolmetschstimme so viel sympathischer im Radio rüberkam als der ausländische Gast – vielleicht hätte ich da meinen Hut etwas tiefer ziehen sollen...


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